Julia Knapp
Die Zofinger Literaturtage gehen mit Tschechien "an die Küste".
Stefan Müller: «Im Pavillon des Parks draussen sehe ich mich bei einem lockeren Apéro oder ‹Fiirabig-Bier› – im Altbau war das nicht so». Bild: Joel Dreier
Seit 21 Jahren ist Stefan Müller in der Arbeits- und Wohngemeinschaft Borna in Rothrist tätig. Im Interview erzählt der Bereichsleiter der Zentralen Dienste, wie der Umzug ohne externe Hilfe gelang, was die Borna mit ihrem breiten Handwerkswissen ausmacht und wie sich wirtschaftlicher Druck sowie der Anspruch, den Menschen gerecht zu werden, unter einen Hut bringen lassen.
Was ist die Borna? Und für wen ist sie da?
Wir sind in erster Linie eine Sozialinstitution, die für ihre Klientinnen und Klienten da ist. Uns liegt die Inklusion am Herzen, und wir bieten den Menschen eine Tagesstruktur, die sie gezielt fördert.
Was zeichnet die Borna speziell aus?
Natürlich muss der Neubau genannt werden. Kaum tritt man ein, wartet etwa schon das «Kafi31». Wir sind topmodern und nennen einige Leuchtturmprojekte unser Eigen. Zum Beispiel die Beleuchtung: In der Wohngruppe verändert sich das Licht mit dem Tagesverlauf und unterstützt so den Biorhythmus. Am Abend legt sich ein rötlicher Ton über den Raum, tagsüber ist das Licht heller und macht wacher. Auch sonst ist die Infrastruktur komplett auf dem neuesten Stand. Dank Photovoltaikanlage und Erdsondenheizung decken wir unseren Energiebedarf gut und ökologisch.
Dazu kommt bei Fertigstellung eben auch noch der Bornapark: Mit der Minigolfanlage setzen wir ein Angebot für die ganze Gesellschaft mitten in die Region, das Inklusion möglich machen soll. Im Pavillon des Parkes draussen sehe ich mich bei einem lockeren Apéro oder «Fiirabig»-Bier – im Altbau war das nicht so.
Die Einweihung des Borna-Neubaus ist nun ziemlich genau ein Jahr her. Nehmen Sie uns mit: Wie haben Sie sowie Ihre Klientinnen und Klienten den Einzug erlebt?
Mein Eindruck ist, dass wir innert kürzester Zeit voll da und eingelebt waren. Als ich nach drei, vier Monaten nachgefragt habe, sagten mir einige, es fühle sich an, als wären sie schon ewig hier. Sie könnten sich gar nicht mehr vorstellen, im Altbau zu leben. Dieser stand damals noch und wurde bis Mitte April 2026 zurückgebaut. Auch ich kann mir heute kaum mehr vorstellen, in diesen kleinen, dunklen Räumen gearbeitet zu haben. Übrigens: Ausgerechnet ein taubblinder Klient hat sich mit Abstand am schnellsten im Neubau eingelebt.
Wie haben Sie und Ihr Team diese Doppelspurigkeit wahrgenommen?
Da muss man zwei Dinge unterscheiden. Das eine ist der Lärm: Der war deutlich geringer, als wir befürchtet hatten. Sogar die Bohrungen für die Erdsondenheizung, bei denen wir mit viel Krach gerechnet hatten, waren viel ruhiger als gedacht.
Die grösste Herausforderung war ohne Frage die Zügelphase. Als das neue Wohnheim samt Werkstatt stand, lief der Betrieb im Altbau weiter. Wir haben also praktisch zwei Institutionen gleichzeitig betrieben, bei gleichbleibendem Personal. So sind wir in der Werkstatt etwa staffelweise umgezogen: Sobald ein Team im Neubau war, half es beim nächsten Team tatkräftig mit. So konnten wir alles ohne externe Hilfe stemmen. Dafür mussten wir sämtliche internen Ressourcen nutzen. Aber wir haben es geschafft – und ohne jegliche Zwischenfälle.
Der Bornapark entsteht auf dem Ort des alten Wohnhauses. Wie geht es dort weiter?
Der Rückbau ist seit Mitte Juni abgeschlossen. Seit August entsteht an seiner Stelle der Bornapark. Die ersten Wege durch die Anlage sind angedacht, im Oktober werden schon die ersten Bäume gesetzt. Wie schon beim Altbau wird es wieder Obstbäume geben, deren Erzeugnisse wir in der Borna verwerten können. Auch Hühner und Schafe soll es hier wieder geben. Mitten im Grün wird zudem ein Pavillon realisiert. Und eine Minigolfanlage darf natürlich nicht fehlen. Sie befindet sich momentan im Bau und wird bei Fertigstellung auch der Öffentlichkeit offenstehen.
Die Borna verfügt in ihren Dienstleistungen über eine grosse Breite: Wie schaffen Sie es, als Institution so vielseitig zu arbeiten?
Die Korb- und Bürstenmanufaktur war der Ursprung der Borna. Über die Jahre entwickelten sich neue Bereiche, etwa mit der Herstellung von Stühlen. Dieses alte Handwerk hat die Borna schon damals gross gemacht und deshalb behalten wir es mit Stolz bei.
Aus dieser reichen Geschichte ist inzwischen ein sehr breites Know-how in den verschiedensten Bereichen entstanden. Das Wissen im Haus ist riesig: Wenn ich eine Frage habe, finde ich intern immer eine Fachperson, sei es eine Floristin, eine Damenschneiderin, ein Schreiner oder ein Schlosser. Dazu kommt eine Top-Infrastruktur, mit der wir praktisch alles umsetzen können.
Und wir haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber der traditionellen Privatwirtschaft: Angestellte wechseln im Schnitt nach fünf, sechs Jahren die Stelle und machen etwas anderes. In der Borna ist das anders. Bei uns macht eine Person seit 20 Jahren die Bürsten, eine andere ist seit 15 Jahren am Montagepunkt. Dieses Wissen ist fest verankert, und auf diese Leute kann man zählen. Für sie ist es eine Lebensaufgabe, der sie mit Freude nachgehen. Sie gehen darin auf und bringen ihre Fähigkeiten voll ein.
Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld um zwischen dem wirtschaftlichen Druck des Marktes und dem Anspruch, den Menschen gerecht zu werden?
Bei Menschen mit besonderen Bedürfnissen ist genau das die Herausforderung. Die einen brauchen etwas Druck, damit sie weiterkommen, andere können gut damit umgehen. Wir haben ausgebildete Fachleute, zum Beispiel Schlosser, die den Weg ins Soziale gefunden haben. Sie bringen eine soziale Zusatzausbildung mit und können ihr Wissen weitergeben. Das ist anspruchsvoll. Zertifiziert sind wir ebenfalls, neu auch für Lebensmittel nach ISO 22000, und die entsprechenden Nachweise müssen wir erbringen. Ein Spannungsfeld ist das durchaus, aber ein berechtigtes: Wer Lieferant sein will, muss gewisse Dinge erfüllen.
Aus welchen Geldern ist die Borna finanziert?
Die Borna wird neben Geldern der öffentlichen Hand – und dem erwirtschafteten Gewinn ihrer Dienstleistungen – auch durch eine Gönner- und Förderstiftung finanziert. Jeder ist herzlich eingeladen, Genossenschaftler/in zu werden. Die Anteilsscheine gibt es zu CHF 100.–, 200.–, 500.– oder 1000.–. So ist man auch automatisch stimmberechtigt an der Generalversammlung. Nicht nur das: Ein feines Essen gibt es obendrauf!
Wie haben Sie den Weg in die Borna gefunden?
Genau so, wie es hier für viele üblich ist: über den «Zivi» (lacht). Anno 2005 kam ich als Zivildienstleistender in die Borna. Meinen Einsatz habe ich damals in der Montagewerkstatt absolviert. Anschliessend bin ich gleich im Betrieb geblieben. Nach einigen Jahren wurde dann die Stelle des Hauswarts frei. Ich nahm diese Chance wahr, dokumentierte und professionalisierte etwa die Reinigung.
Dann kam der Neubau. Beim Fachchinesisch der Bauleiter und Architekten wurde mir schnell bewusst, dass ich mich im Bereich Facility Management weiterbilden muss. Seit Januar 2025 leite ich nun den Bereich Zentrale Dienste und sitze in der Geschäftsleitung. Diese Position hat es vorher in dieser Form nicht gegeben.
Was macht Ihre Position als Leiter Zentrale Dienste aus?
In meiner Position laufen viele Fäden zusammen. Man spricht immer von Wohnen und Werkstätten, aber dazwischen steckt noch vieles, und alle sind darauf angewiesen. Es muss etwas zu essen geben, das Zimmer muss gereinigt sein, der Fernseher muss funktionieren und die Wäsche sauber sein. Das ist immer «einfach gelaufen», ohne dass jemand speziell ein Auge darauf geworfen hat. Das ist meine Aufgabe.
Am 6. und 7. November findet das Herbstfest in der Borna statt. Worauf können sich die Besucher freuen?
Das Herbstfest bietet einen einmaligen Einblick in die Borna. Man kann die modernen Wohn- und Arbeitsbereiche entdecken, an Rundgängen teilnehmen und erleben, wie Menschen mit Unterstützungsbedarf wohnen und arbeiten. Für Unterhaltung ist gesorgt, mit Kinderschminken, Spielen, Tombola und Kerzengiessen. Es werden Simulationsbrillen verteilt und so können Besuchende die Welt selber entdecken. Dazu gibt es feine Waffeln, Spaghettiplausch, Raclette, Grilladen und den Schoggibrunnen. Im Kern steht das Fest für Begegnungen: Angehörige, Nachbarn, Mitarbeitende, Klientinnen und Klienten und die Bevölkerung kommen zusammen. Egal, ob man die Borna schon kennt oder zum ersten Mal vorbeikommt: Es ist die ideale Gelegenheit, hinter die Kulissen zu blicken und einen gemütlichen Herbsttag im Bornapark zu verbringen.
Joel Dreier
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